Wann ist eine Holzachterbahn noch Holzachterbahn? Geht es nach den Liebhabern des klassischen „shake, rattle, rolls“, muss eine Fahrt auf dem Woodie ruckeln, schütteln und holpern. Während eine Stahlachterbahn abgestraft wird, wenn der Schulterbügel einmal eine Watsche verteilt oder die Airtime die Mitfahrer etwas zu beherzt in den Bügel drückt, wird eine Holzachterbahn mit eben solchen „klinischen“ Fahreigenschaften schnell verschmäht. 50 Prozent aller Holz-„Klassiker“ verursachen bereits bei der ersten Fahrt Kopfschmerzen. Das dauernde Vibrieren und Rütteln der Züge auf der weichen, aus etwa sieben bis zehn Holzbrettern gebogenen und genagelten Schiene ist nicht jedermanns Sache. Da hilft es auch nicht, wenn schlaue Köpfe noch Leim in die Bretterschicht pressen – eine klassisch laminierte Holzschiene gibt deutlich und durchaus fühlbar nach wenn der Zug diese passiert.
Für das Material Holz sind insbesondere die Entwicklungen der letzten 15 Jahre Gift: Während die Stahlachterbahnen Höhen von 60 und 100 Metern mit Bravour erklimmen, versagen klassische Holzschienen bereits, wenn der Achterbahnzug über 40 Metern hinabfällt und dabei die 100 Stundenkilometer Geschwindigkeitsgrenze durchbricht. Eine auf der Baustelle aus Brettern zusammengenagelte Schiene wird zügiger geschädigt als das präzise gefertigte Stahlrohr mit deutlich anderen Festigkeitswerten. Jüngstes Beispiel ist die einst höchste Holzachterbahn der Welt: Son of Beast im amerikanischen Kings Island Freizeitpark sollte mit 66 Metern Höhe und einer von Werner Stengel berechneten Dynamik zu neuen Rekorden aufbrechen, ein stählerner Vertikallooping inklusive. Doch die schweren Züge waren eine Last für die Schiene und Struktur, die Hochgeschwindigkeits-Kurvenzüge wurden bei Tempo 120km/h zur Holperpiste, bis im 2007 nach gerade einmal gut fünf Betriebsjahren die Holzschiene in einer Kurve absackte. Es blieb beim leichten Personenschaden, doch Son of Beast wurde geschlossen, ohne Vertikallooping und mit leichteren, die Struktur schonenderen Zügen wiedereröffnet, bis 2009 ein weiterer Vorfall die letzte Fahrt einläutete. Der Betreiber hatte in weniger als zehn Saisons zehn Millionen US-Dollar zusätzlich investiert, ohne die Bahn je besser oder erfolgreich zu machen.
Ein Achterbahnpionier, die Schweizer Firma Intamin, bewertete seine Engagements im Holzachterbahnbau in den 90er Jahren ebenfalls und präsentierte zum Millennium einen konsequenten Entwicklungsschritt: Die Schiene der Plug&Play Woodies besteht aus hochfestem, kesseldruckimprägnierten Furnierschichtholz. Nach dem Laminieren und Vorbiegen erfolgt im Werk je nach geforderter Geometrie eine CNC-gesteuerte, dreidimensionale Präzisionsfräsung der laminierten Holzpakete. Diese hochgenaue Fertigung ermöglicht neben ihren geringen Fertigungstoleranzen und stetigen Übergängen zwischen Abfahrten und Kurvenelementen eine optimale Abbildung der nach dem Raumkurvenprinzip berechneten Schienenstränge. Zudem vermag die Schiene ganz andere Belastungen auszuhalten als die klassisch genagelte Variante.
Wo Betreiber klassischer Holzachterbahnen es gewohnt sind, die Schiene nach einigen Jahren Betriebszeit zu sanieren und sogar komplett auszuwechseln, scheint die Intamin Schiene bis heute auf den vier realisierten Hochgeschwindigkeits-Layouts zu halten. Kritiker belächeln jedoch die hohen Investitionskosten und die klinischen, fast stahlachterbahntypischen Fahreigenschaften. Für den normalen Parkbesucher bleiben El Toro, die mit 57 Metern Strukturhöhe höchste Holzachterbahn der Welt, T-Express, Balder und Colossos im Heide Park, aber als Woodies mit extrem flüssigen und ruhigen Fahreigenschaften im Gedächtnis, schließlich fahren die Züge wirklich auf einer Schiene aus Holz durch und über das Gebälk.
Einen gänzlich anderen Schritt, die klassische Holzschiene zu modernisieren, ging die amerikanische Rocky Mountain Construction Group. Auf dem Texas Giant wurde im Jahre 2010 nach 19 Saisons kurzerhand die gesamte Holz- gegen eine Stahlschiene ausgewechselt und brachte der Bahn ein komplett neues Image. Die ruhige Fahrt überrascht durch schnelle Wenden, überhängenden Steilkurven und Airtime. Aus Holz ist nur noch die Struktur, welche zu 75% übernommen wurde und punktuell dem modifizierten Schienenverlauf angepasst wurde. Eine Holzachterbahn ist der New Texas Giant aber nicht mehr. Doch trotz der Kritikererfolge vermag diese Methode auch keine wirkliche Lösung zu sein, große Holzachterbahnen nach zehn bis 20 Betriebsjahren aufzufrischen: Die marode Holzstruktur bleibt und im Zusammenspiel mit der steifen Stahlschiene ergeben sich in Six Flags over Texas für das Wartungspersonal neue Schwierigkeiten.
Dann direkt komplett eine neue Holzachterbahn bauen, wie es Silver Dollar City für die Saison 2013 derzeit mit dem 900 Meter langen Outlaw Run durchführt. Am neuen, 50 Meter hohen Woodie ist auf dem ersten Blick alles aus Holz, doch die letzten drei bis vier Holzschichten werden durch einen gebogenen, im Werk produzierten Stahlkasten ersetzt. Wo sonst die Holzschiene nur mit zehn Millimeter dicken Stahlplanken im Bereich der Kontaktpunkte zu den Rädern versehen wird, wurde kurzerhand ein Drittel des Schienenprofils aus Stahl produziert. Outlaw Run ermöglicht dieser Entwicklungsschritt die Integration von drei räumlich gebogenen Herzrollen mit entsprechendem Überschlag. Mit dem Charakter einer Holzachterbahn hat diese Methode aber nicht mehr viel zu tun. Die Lauf- und Seitenrollen werden ausschließlich durch die Stahlschiene geführt und nicht mehr durch ein hölzernes Schienenbett. Trotzdem wird der Parkbesucher den Outlaw Run als Holzachterbahn bewerten. Wann ist eine Holzachterbahn noch Holzachterbahn? Eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist.
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